Freitag, 11. Januar 2008

Ein kleiner Auszug: "Kopfzerbrechen. Notizen aus meinem Koma und der Zeit danach"

"Untergetaucht im ‚Koma-Land’, dessen Lage zweifelsfrei unterirdisch ist, beschäftigt mich immer wieder und immer wieder die Frage, wie ich orten könnte, wo ich mich nun befinde. Raum der Zeitlosigkeit, Existenz ohne Morgen und Abend, ohne Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Dieser Raum ist zwar menschenleer, aber voll mit meinen Gedanken und Gefühlen. Wie ein Schauspieler auf einer leeren Bühne (und ohne Publikum) halte ich ungestört lange Monologe, rezitiere ich lautlos Worte, Sätze, gespeist aus meinen Erinnerungen, werfe Bilder an imaginäre Wände, schaffe mir so ein Bühnenbild für meine einsame Inszenierung. Bin alles in einer Person: Schauspieler, Regisseur, Bühnenbildner.... souffliere mir auch selbst, wenn ich hängen bleibe im Text meines Lebens. Eine ‚One-Woman–Show’ spule ich ab, am laufenden Band, pausenlos. Jongliere mit meinen Gedanken, versuche, sie zu ordnen, zu dirigieren, versuche, meine Gefühle im Zaum zu halten. Rufe immer neue Bilder auf den Plan, um dem Dunkel, dem ich ausgesetzt bin, etwas entgegenzusetzen.

Dann kommt langsam - ich weiß nicht wie langsam und wann - mein Körpergefühl wieder. Merke, dass ich mich nicht frei bewegen kann, fühle etwas Beengendes um meinen Leib. Und ich friere, friere so erbärmlich.

Ich bin ganz allein. Angst, Angst, Angst. Es ist sehr anstrengend. Ich muss etwas festhalten, ganz verzweifelt und bin doch schon so müde. Es ist sehr kalt und nichts und niemand da, um mich zu wärmen. Ich bin gefesselt, gebunden, festgemacht an dem Ort, an dem ich liege, den ich nicht kenne und wo ich mich nicht zurechtfinden kann. Alles, wonach ich mich sehne, ist unerreichbar. Ich bleibe Trost-los: Niemand steht mir bei. Aber ich muss jetzt trotz alledem herausfinden, wo ich bin, wie ich an diesen unheimlichen, unbekannten Ort geraten bin. ICH, ein Ich ohne Namen, ohne Geschlecht und Alter. Mit Augen, die nichts sehen, auch wenn ich meine, sie weit zu öffnen. Die vielen Bilder, die ich sehe, kommen von innen, von tief unten.
Un-erhört mein Rufen nach Hilfe, meine Bitten - nichts scheint nach außen, ins Draußen durchzudringen. Möchte Trost finden, aber wie? Sage mir: Es gibt nichts mehr außer dir selbst. Hilfe rufen nützt nichts. Ich muss den Ausweg allein finden. Ich kann nicht flüchten, ich muss ES finden. Muss das Wesentliche finden, von dem alles abhängt. Ganz schnell, sonst ist es zu spät...

Oft großer Durst. In den Welten, die sich mir nun auftun, ist dieser ungestillte Durst immer wieder meine leidvolle Erfahrung: Ich sitze mit Freunden in einer großen Runde zusammen. Ein langer Tisch, auf dem viele volle Flaschen stehen: Weine, Fruchtsäfte, Mineralwasser. Alle haben ein großes Glas vor sich stehen und trinken genüsslich daraus. Ich höre, wie es beim Trinken genüsslich in ihrer Kehle gluckert. Nur ich, ich habe nichts zu trinken. Mein Glas bleibt leer und meine Freunde geben mir nicht einen einzigen Schluck von ihren Getränken. Eine Stimme sagt: Morgen bekommst auch du etwas zu trinken, aber heute darfst du wirklich noch nicht, tut mir leid.
Und mein Durstgefühl ist so sehr quälend, meine Kehle völlig ausgetrocknet; deshalb bitte ich die anderen immer wieder, mir doch wenigstens einen Schluck zu trinken zu geben, ein ganz kleines Schlückchen nur - aber sie bleiben bei ihrem kategorischen Nein. Grausam und hart finde ich ihre Weigerung. Etwas Feuchtigkeit auf der Zunge, etwas Feuchtigkeit in der Kehle zu spüren, das täte so gut, das wäre wie eine Erlösung.

Und es ist auch irgendetwas mit meiner Nase, genauer gesagt in meiner Nase, ein Fremdkörper. Das ist so furchtbar: Es juckt und juckt und ich kann überhaupt nichts dagegen tun, weil meine Hände festgebunden sind!

Immer wieder tauche ich in fremde Welten ein. So viel Seltsames begegnet mir in dieser Zeit des Ausgeliefert-Seins: Es ist, als wäre ich in die Dreharbeiten für einen Werbefilm geraten – wieso nur? Die Menschen hier, sie benutzen die Sprache der Werbung, benutzen ständig Slogans“... ist mild und schmeckt“ und ähnliches - alles wirkt auf mich so unecht und verlogen, aber ich bin mittendrin und gezwungen, dabei zu sein, ich kann nicht weglaufen.

Dann mache ich die Erfahrung, in einer großen, ebenerdig gelegenen Wohnung zu sein, allein. In der Wohnung sind kaum Möbel; nur am großen Fenster, direkt vor der breiten Fensterbank, da steht der Stuhl, auf dem ich sitze. Draußen, auf der Straße sehe ich viele Menschen, darunter auch meine Freunde, manche sind allein unterwegs, manche in Gruppen. Die Wohnung ist von der belebten Straße nur durch eine Glasscheibe getrennt. Ich rufe laut: Hallo, kommt doch zu mir, kommt herein, besucht mich doch - ich bin so allein! Aber sie ignorieren meine Einladung ein ums andere Mal, scheinen mich nicht zu hören, laufen vorbei, gucken sich nicht um. Ich bleibe allein hinter der Glasscheibe, bin weiter zum Alleinsein verdammt. Es ist, als sei ich ein Geist, unsichtbar und unhörbar für alle, ganz aus der Welt... . Aber ich habe mich doch nicht in Luft aufgelöst! Es gibt mich doch! Auch wenn ich meinen Körper nicht spüre, weiß ich doch, dass ich noch da bin, dass ich lebe.
.... ."


Auszug aus meiner autobiographischen Erzählung "Kopfzerbrechen. Notizen aus meinem Koma und der Zeit danach", mittlerweile in 2. Auflage erschienen beim Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2007. Das Taschenbuch ist für 15.90€ überall im Handel erhältlich, oder direkt beim Mabuse Verlag.

Kommentare:

  1. Auch ich tanze mit der linken Hand in der Hosentasche, habe gerade ihr Buch Kopfzerbrechen gelesen, nach einem schweren Motoradunfall (ca 45 Tage Wachkoma)und daraus resultierender Plexuslähmung durchs leben. Möchte gerne Kontakt mit Ihnen aufnehmen, vielleicht können Sie mir ja Ihre Email-Adresse zukommen lassen.

    guggi@dnet.it


    Mit freundlichen Grüßen

    Michael von Guggenberg

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  2. Liebe Frau Susanne Rafael,

    Ihr Buch "Kopfzerbrechen" sollte Pflichtlektüre für alle „Pflegenden“ werden.

    An so machen Stellen des Buches lief mir „ein Schauer“ über den Rücken – teilweise vor Entsetzen – teilweise vor der Erkenntnis, die mit dem Inhalt bei mir „aufblitzte“.

    Auch mir haben Sie mit Ihrem Buch sehr geholfen und ich bin sicher, dass ich daraus in meiner Praxis im Umgang mit „Wachkoma-Patienten“ noch einfühlsamer umgehen werden.

    Viele praktische Hinweise sind dort enthalten und eines scheine ich „intuitiv“ bisher richtig gemacht zu haben:
    „Kommunikation“ und „Berührung“. Beides werde ich verstärken.

    Vor allen Dingen werde ich mich – durch SIE eindringlich darauf hingewiesen – um den Durst kümmern. Habe schon „neutrale Wattestäbchen“ besorgt und werde sie in Tee tränken und die Lippen und die Zunge benetzen!

    SIE sind ein wertvoller Schatz für mich und ich bin dankbar gestimmt, mich mit Ihnen austauschen zu dürfen.

    Jedenfalls leisten Sie einen grossen Beitrag für die Gesellschaft

    Mit einem dankbaren und liebenden Herzen von
    Leiden Leichter – Petra Strößner
    www.leidenleichter.de)
    und
    Internetadresse zur Dokumentation vom 22.11.2010 in TV WDR diestory:
    "Gefangen im eigenen Körper - wie wach sind Koma-Patienten"
    http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=5873370

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